Turnen lebt von Gemeinschaft

Mit freundlicher Genehmigung der DiebachMedien machen wir hier das Interview mit Pascal Martiné zugänglich.


© DiesbachMedien | Ausgabe: Weinheimer Nachrichten | Sport | 20.02.2021 | Seite 25

EinBlick: Der TV Gorxheim und Pascal Martiné sind eng miteinander verbunden, nicht nur sportlich

"Turnen lebt von Gemeinschaft“
Pascal Martiné verbreitet gute Laune. Wenn es ein Aushangeschild für einen Verein gibt, dann ist es der agile Mann mit dem wachen Blick. Seit seinem vierten Lebensjahr turnt er für den TV Gorxheim. Vom Purzelturnen führte sein Weg an die Geräte. "Und das, obwohl ich nicht einmal ein besonders guter Turner bin. Aber die Gemeinschaft hat mich immer dabeibleiben lassen.“ Es ist die Magie der Turnfamilie, die ihn voll in den Bann gezogen hat.

Von Anja Treiber
Es sind diese Menschen, die einen Verein mit Leben füllen. Der heute 30-Jährige turnt noch immer aktiv, ist aber auch Übungsleiter und führt die Turner, die mit 120 Mitgliedern größte Abteilung im Verein, schon seit zehn Jahren. Martiné ist mitgewachsen mit seiner Gorxheimer Turnfamilie. Und das, obwohl er ein waschechter Leutershausener ist. Zum Gespräch treffen wir uns deshalb vor einer Woche an seinem Hausberg, dem Kehrrang. Der Mann in Jeans, Norwegerpulli und dicken Handschuhen kommt bei den Anstiegen im Schnee nicht außer Atem, springt leichtfüßig zur Seite, wenn die Kinder mit dem Schlitten vorbeisausen.

"Das war auch mein Rodelhang und er ist es heute noch“, lacht er. Das glaubt man sofort — Martiné sieht nicht so aus, als hatte er Berührungsängste. Der Mann ist fit, auch wenn er seinen Sport schon seit Oktober nicht mehr ausüben kann. Seine Lieblingsgeräte — das Pauschenpferd, die Ringe, den Barren - hat er schon seit Monaten nicht mehr gesehen.

Die Liga-Wettkampfe im September sind erst gar nicht gestartet. Darauf hatten sich die Ligavereine verständigt. In der Herren-Regionalliga, in der die Gorxheimer mittlerweile angesiedelt sind, wäre das vielleicht noch zu handeln gewesen. Schließlich starten dort im Gegensatz zu Landes- und Oberliga nur zwei Mannschaften und nicht alle auf einmal. "Wir hatten das Glück, 2019 bis zum November daheim Ausrichter sein zu können. Das war ein absolutes Highlight mit einer tollen Atmosphäre.“ Gerade die kleine TV-Turnhalle macht das Erlebnis so besonders. Da verdreifacht sich die Stimmung förmlich. Aber ein Liga-Wettkampf ohne Zuschauer? Schwer vorstellbar. "Wir machen das ja alle nicht für Geld, sondern nur zum Spaß.“ Und der muss da sein. Sonst ergibt so ein Wettkampf im Turnen für Gorxheim keinen Sinn.
"Wir alle hoffen darauf, dass es im Frühjahr wieder losgehen kann. Keiner weiß ja, wie das dann sein wird. Ob noch alle dabei sind oder ob wir Probleme haben werden, unsere Mannschaften zu besetzen. Die Gefahr ist natürlich da, dass einige Kinder abspringen“, sagt er. Nach dem ersten Lockdown, als das Training im Juni wieder auf dem Freigelände an der TV-Sporthalle startete, waren alle heiß darauf, wieder loszulegen.

Hoffnung auf die Vereins-DNA
Eine Einschätzung jetzt, wo ein Austausch maximal in verschiedenen WhatsApp-Gruppen oder beim Online-Training möglich ist, ist schwieriger. "Wie wir dastehen, werden wir wahrscheinlich wirklich erst feststellen können, wenn es tatsächlich um die Mannschaftsmeldungen geht.“
Wir kommen bei unserem Schneespaziergang am Waldspielplatz an. Der liegt ebenso im Winterschlaf wie der gesamte Vereinssport. Da der TV Gorxheim ein kleiner, aber eben gewachsener Verein mit vielen Eigengewächsen ist, hofft Martiné darauf, dass die TVG-DNA keinen Schaden nimmt — und der Identifikationswert groß genug ist, dass die Mitglieder ihrem Turnverein auch treu bleiben werden. "Wir sind ja fast alle aus der Jugend ent- und mit dem Verein mitgewachsen. Es gibt viele wie mich, die erst selbst geturnt haben, dann Übungsleiter-Assistent, Trainer wurden und sich auch sonst im Verein engagieren. Das versuchen wir auch an die Kinder weiterzugeben, ihnen diese Philosophie zu vermitteln. Unser Verein ist mehr als nur Leistungssport.“
Vom Eltern-Kind-Turnen bis Walking und Volleyball hat der TV einiges zu bieten. Wie sich die monatelange Pause vor allem auf das Wohl der Kinder auswirkt, vermag Pascal Martiné nicht abzuschätzen. Das Online-Training, zunachst als Wochenaufgabe verschickt, inzwischen aber auch live angeboten, kann natürlich nur die Basics abdecken. "Es wird ganz gut angenommen. Aber Kinder sind im Wachstum. Da macht sich gerade bei Jungs schon bemerkbar, dass die Beweglichkeit nachlässt, vielleicht auch die Kraft.“
Am ehesten bleibe wohl noch die Koordination erhalten, Radfahren verlerne man ja auch nicht einfach so. "Aber was vor allem fehlt, ist die Gemeinschaft, die Geselligkeit. Je länger der Lockdown dauert, desto größer ist die Gefahr, dass sich die Kinder vom Verein entfernen.“ Und das gelte nicht nur für die Kinder.

Dass die Gefahr, dem Verein in der Pubertät den Rücken zu kehren, bei Einzelsportlern größer ist als im Mannschaftssport, das weiß auch Pascal Martiné. Allerdings sind Turner zwar im Wettkampf auf sich alleine gestellt, doch deren Gemeinschaftssinn ist auch besonders stark ausgeprägt. Das zeigt sich an traditionell gewachsenen Strukturen, wie beispielsweise dem Besuch von Turnfesten. "Diese Kombination aus Sport, Wettkampf, Ausflügen und Geselligkeit hat auch mich persönlich von Anfang an fasziniert. Wir schauen auch, dass wir bei unseren Trainingslagern die Begegnung mit anderen Vereinen, anderen Turnern forcieren. Wir Turner sind schon eine große Familie“, sagt Martiné. Da tut es sehr weh, dass das Deutsche Turnfest im Mai in Leipzig bereits abgesagt wurde. Matratzenlager in Sporthallen und Schulen, Konzertbesuche und aus ganz Deutschland und den Nachbarländern zusammengewürfelte Menschenmassen sind derzeit einfach nicht dar- und vorstellbar.

Hoffnung auf Zeltlager
Auch die vereinseigenen Feste wie jetzt der Fasching oder im Dezember die Nikolausfeier fielen dem Virus zum Opfer. Letzteres tat den Turnern besonders weh. "Das ist schon unser Höhepunkt des Jahres, wenn 100 Kinder ihre Aufführungen unter einem Gesamtmotto auf der eigens aufgebauten groBen Bühne in der Halle zeigen.“ Jetzt setzt der Verein die Hoffnung auf ein Sommerfest im Freien. Und vielleicht auch die Durchführung des traditionellen Zeltlagers im Schwarzwald.

"Wir haben die Anmeldung mal gestartet. Es ware super, wenn es nicht wieder ausfallen müsste“, sagt Pascal Martiné, der die organisatorischen Fäden dafür in der Hand halt. Im August soll die Gaudi starten, bis dahin hoffen alle auf etwas Entspannung. Auch das Zeltlager ist so ein Baustein zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Seit Jahrzehnten wird es schon veranstaltet. "Diese Dinge machen einfach riesigen Spaß. Diesen Spirit wollen wir nicht nur erhalten, sondern auch weitergeben an die Kinder — in der Hoffnung, dass auch sie dabeibleiben und sich für Vereinsarbeit interessieren.“
Der Abteilungsleiter und seine Übungsleiter sind jedenfalls heiß darauf, wieder loslegen zu können. Mit Augenmaß. Schließlich liegt die Kindertagesstätte, in der sich die britische Mutation des Coronavirus verbreitet hat, quasi als Mahnmal direkt neben der Halle. "Trotzdem verfallen wir nicht in Lethargie oder Passivität, sondern Überlegen uns, was wir tun können, um die Kinder bei der Stange zu halten.“ Zu Beginn sei es zwar ganz nett gewesen, etwas mehr Zeit für sich zu haben, aber mittlerweile wünschen sich alle die Gemeinschaft zurück. Und sei es, wie nach dem ersten Lockdown, mit Abstand und Masken.

Um tatsächlich Chancen auf Ligawettkämpfe zu haben, müsste der Trainingsbetrieb wenigstens im Mai wieder starten dürfen. "Manche sind in ihrer Entwicklung nicht nur stehen geblieben, sondern zurückgeworfen worden. Und es macht ja keinen Sinn, dann im Wettkampf Übungen zeigen zu wollen, die man gar nicht richtig trainieren konnte. Da ist die Verletzungsgefahr einfach zu hoch.“
Überhaupt sei der Trainingsaufwand im Turnen relativ hoch, "um erst einmal etwas Vernünftiges zusammenstellen und zeigen zu können“.

Doch Wettkampf ist eben nur die eine Seite des Vereins. "Lieber lassen wir die Finger noch etwas länger von der Liga und kommen stattdessen in der Halle zum Training zusammen. Das ist meine ganz persönliche Meinung“, sagt Pascal Martiné. So wie freitags, wenn die Turner nach ihrem Training im Clubraum noch an der Theke für die Senioren der VSG Gorxheimertal ausschenken. Da ist das Zusammensitzen eben fast noch wichtiger als der Sport zuvor. Auf den ersten ausgeschenkten Abbelwoi freut sich der Gute-Laune-Mann schon jetzt.

Pascal Martiné, TV Gorxheim. Bild: Marco Schilling

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